Eine Übung in Frieden
Der Funkensonntag ist in Vorarlberg ein fest verankerter Teil des Jahreslaufs. Eine Veranstaltung, die am Sonntag nach Aschermittwoch gefeiert wird und bei der traditionell ein Funkenfeuer entzündet wird, um den Abschluss der Alten Fasnacht zu markieren. Bestandteil des Brauchs in vielen Gemeinden ist das Verbrennen einer Strohpuppe, der sogenannten »Funkenhexe«, die symbolisch für das Ende des Winters steht. Die Tradition des Funkensonntags wurde 2010 in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich im Bereich gesellschaftliche Praktiken aufgenommen.
Doch immaterielles Kulturerbe – und Brauchtum ganz grundsätzlich – ist einem kontinuierlichen Wandel unterworfen. Auch die Aufnahme in das nationale Verzeichnis bedeutet keine Festschreibung einer Praxis, sondern vielmehr die Anerkennung einer lebendigen Tradition, die im Austausch mit ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Umwelt steht.
Ausgelöst durch eine Petition im März 2024, die eine Streichung des Brauchs – bis auf Weiteres – aus der Liste des immateriellen Kulturerbes forderte, setzte die österreichische UNESCO-Kommission (ÖUK) eine vertiefte Reflexion über den Status quo des Funkensonntags in Vorarlberg an. Nicht, um eine Richtung vorzugeben. Die Zünfte in Vorarlberg sind frei in der Gestaltung des Brauchs. Sondern um einschätzen zu können, wie stark die »Funkenhexe« im Selbstverständnis der Zünfte verankert ist – und ob dies den Prinzipien der UNESCO widerspricht. Vereinfacht gesagt: Vorarlberg ist frei in seiner Haltung zu diesem Brauchtumsbestandteil, und die ÖUK setzt sich dazu in Beziehung.
Dialog statt Urteil
Seit 2024 gab es mehrere Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Positionen. Diese führten jedoch teilweise eher zu einer Verhärtung der Sichtweisen als zu einer Annäherung. Gerade jene Funkengruppen, die weiterhin eine »Hexe« verwenden, fühlten sich durch die Kritik persönlich in Misskredit gesetzt.
Um zu verstehen, warum sich diese Fronten verhärteten, lohnt ein Blick auf die zugrunde liegenden Mechanismen: Brauchtumsveranstaltungen wie der Funkensonntag leben vom ehrenamtlichen Engagement Einzelner. Die Währung dieses Engagements ist nicht nur die Freude am eigenen Tun, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung und die Gewissheit, mit der investierten Zeit etwas Sinnstiftendes für die Gemeinschaft zu leisten. Es ist davon auszugehen, dass jene, die sich für den Funken engagieren, dies aus ehrlicher Überzeugung tun. Eine Kritik an ihrem Tun trifft die Akteure daher im Mark.
Denn im ersten Schritt sind die Intention des Geleisteten und die Interpretation auf der Gegenseite widersprüchlich. Alltagssprachlich spricht man von einem Missverständnis. Missverständnisse können immer beidseitig aufgelöst werden. Entweder, indem der Akteur akzeptiert, dass die Gegenseite sich verletzt fühlt und daher auf sein Handeln verzichtet, oder indem der Empfänger versteht, dass seine Interpretation am Gesagten oder Getanen vorbeigeht und er versteht, dass keine Verletzung intendiert war. Kritik trifft unter diesen Voraussetzungen nicht nur eine Handlung, sondern berührt Identität, Selbstverständnis und Beziehung. Aussagen, die ein emotional aufgeladenes kulturelles Feld betreffen, werden selten ausschließlich auf der Sachebene gehört. Sie wirken immer auch auf der Beziehungsebene. Unabhängig davon, wie nüchtern sie ursprünglich gemeint waren.
Das ist kein Freibrief für jede Verhaltensweise. Denn es gibt Praktiken, die heute gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert werden. Und nicht alles, was »nicht so gemeint« war, entzieht sich der kritischen Auseinandersetzung. Vor diesem Hintergrund stand die ÖUK vor einer formalen Frage: Kann ein Brauch, der Teil des immateriellen Kulturerbes ist, weitergetragen werden, wenn einzelne Elemente kritisch hinterfragt werden?
Anstatt vorschnell zu urteilen, entschied sich die ÖUK für einen anderen Weg: einen Monitoring-Dialog als offenes Gesprächsformat, das unterschiedliche Perspektiven zulässt und Entwicklung ermöglicht. Ich wurde gebeten, diesen Rahmen zu gestalten und die Moderation zu übernehmen. Bei der Entwicklung des Formates stand für mich nicht eine schnelle Entscheidung im Vordergrund, sondern die Frage: Wie geht eine Gesellschaft mit Spannungsfeldern in ihrer eigenen Kultur um?
Kein Tribunal, kein Freispruch
Die Aufgabe war es, einen Rahmen zu schaffen, der genau das ermöglicht: kein Gegeneinander, kein moralisches Abrechnen, sondern ein gemeinsames Ringen um Orientierung. Eingeladen waren Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Haltungen und Erwartungen: Funkenzünftler, Kritikerinnen und Kritiker sowie Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft. Durch das Setting erfuhren die Akteure Wertschätzung für ihre geleistete Arbeit, die Kritikerinnen und Kritiker erhielten Anerkennung für ihre Irritation.
Die Erkenntnis des Abends war vielschichtig. Viele Zünfte machten deutlich, dass für sie nicht die Figur der Hexe im Zentrum steht, sondern der gemeinschaftliche Höhepunkt des Abends. Der Wunsch nach einem starken, sinnstiftenden Abschluss ist da, aber die Form des Abschlusses ist verhandelbar. Gleichzeitig wurde sichtbar: Veränderung geschieht nicht auf Zuruf. Sie braucht Zeit, Vertrauen und die Möglichkeit, sich ohne Gesichtsverlust zu bewegen. Im Resümee der Veranstaltung wurde eine Rücknahme der Eintragung in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich derzeit nicht empfohlen. Stattdessen wird angeregt, die Zünfte weiterhin in ihrem Reflexionsprozess zu begleiten und die weiteren Entwicklungen aufmerksam zu beobachten.
Was bleibt?
Die UNESCO formuliert es selbst sehr klar: Immaterielles Kulturerbe soll sich weiterentwickeln können – im Austausch mit der Gesellschaft, nicht gegen sie. All das ist Grundlage für Demokratie. Oder, um nochmals die UNESCO zu zitieren:
»Da Kriege im Geist der Menschen entstehen,
muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.«Der Prozess zeigt beispielhaft, wie mit kulturellen Spannungsfeldern umgegangen werden kann – auch jenseits dieses konkreten Brauchs. Nicht durch moralische Abkürzungen. Nicht durch symbolische Akte. Sondern durch Formate, die Unterschiedlichkeit aushalten und Entwicklung ermöglichen. Drei Dinge sind mir besonders hängen geblieben:
Kulturerbe ist kein statischer Besitz, sondern ein Prozess.
Es lebt davon, dass es reflektiert werden darf.
Dialog schafft mehr Bewegung als Druck.
Eine Aberkennung des Status hätte Fronten verhärtet. Der Dialog hingegen öffnet Spielräume.
Respekt vor dem Gewordensein ist keine Verweigerung von Veränderung.
Im Gegenteil: Er ist oft ihre Voraussetzung.
Denn letzten Endes entsteht Zukunft dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung für ihre Kultur und die Gesellschaft zu übernehmen. Weder durch Verteidigung noch durch Verdrängung. Sondern durch das gemeinsame Denken darüber, was bleiben darf, und was sich verändern muss.