Resonanz statt Reiz
Am 16. März 2020, kurz nach Beginn der Corona-Pandemie in Europa, veröffentlichte der Zukunftsforscher Matthias Horx einen Text, der – nomen est omen – viral ging und millionenfach geteilt wurde.
Horx schlägt darin in einer »Re-Gnose« vor, sich die Zeit nach Corona vorzustellen und wie wir von dort auf die Jahrzehnte vor der Pandemie blicken werden. Das er als Zeitpunkt »nach der Pandemie« den September 2020 wählte, lässt ahnen, dass es wohl keine ganz treffsichere Beschreibung geworden ist. Auch seine sonstigen Erkenntnisse waren vielleicht mehr Wunschdenken denn Wirklichkeitsbeschreibungen:
»[…] Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. […] Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an. […] Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?«
Der Text mäandert dann noch eine Zeit lang durch diese Stimmung: Dem Verfall der AFD, dem Rückgang von Trivia-Trash und Seelenmüll, dem Ende von Krawallen in Fußballstadien und unserem Verhältnis zur Technik. Denn: »Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?«
Nun wäre es ein leichtes, sich lustig zu machen über die Versuche von damals zu verstehen, was dieser Ausnahmezustand mit uns als Gesellschaft macht. Aber wenn selbst der große Philosoph Slavo Zizek sich irrte, als er im März 2020 voraussagte: »Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.« dann zeigt sich, es ist nicht nur das Problem pointengetriebener Zukunftsforscher, sich einen Reim auf Disruptionen zu machen. Das passiert sogar den Besten. Denn das Leben kann – im Sinne Kierkegaards – nur rückwärts verstanden, muss aber vorwärts gelebt werden.
Psychodynamische Prozesse: Der Post-Corona-Urbanism
Rückwärts betrachtet Dinge verstehen. Das ist Wissenschaft. Und tatsächlich gibt es heute einige Studien darüber, was sich tatsächlich änderte in unserem Verhältnis zur Stadt seit dem Ausbruch des Virus im Dezember 2019. Eines der interessantesten Paper zu diesem Thema ist die Studie »Post-Corona Urbanism:Die Transformation der Stadt zum episodischen Resonanzraum– Psychodynamische Analysen hybrider Lebens- und Nutzungsstrukturen« des BSI vom August 2025. Die Studie ist deshalb interessant, weil sie die Veränderung der Stadt nicht auf Frequenz oder Umsatzzahlen betrachtet, sondern aus einer psychodynamischen Perspektive.
Die Studie baut auf einem umfangreichen Spektrum an stadtsoziologischen Studien auf. Von Simmel bis Oldenburg: Seit über hundert Jahren beschreibt die Stadtsoziologie die Stadt als Reizraum und Schutzraum zugleich. Sie ist Bühne der Öffentlichkeit und erweiterter privater Bezugsraum. Stadtraum ist nie nur funktionale Infrastruktur. Er ist Beziehungspartner. Psychodynamisch gesprochen ist er ein »good enough environment«: stabil genug für Sicherheit, offen genug für Exploration. Resonanz entsteht dort, wo Wiederholung und Offenheit zusammenkommen. Genau diese Balance geriet durch Corona ins Wanken.
Das Verhältnis zur Stadt hat sich verschoben
Was also hat sich durch Corona so maßgeblich verändert, dass es zu einer Neubewertung der Stadtbeziehung kommen konnte?
Die Corona-Pandemie hat nicht nur Mobilitätsmuster verändert, sondern das psychische Verhältnis zur Stadt grundlegend verschoben. Vor 2020 war die Innenstadt für viele Menschen ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Ein kontinuierlicher Resonanzraum im Sinne von Hartmut Rosa. Arbeit, Konsum, Begegnung und Kultur waren räumlich verwoben. Der Stadtraum war nicht bloß funktional, sondern emotional verankert.
Diese alltägliche Einbettung wirkte stabilisierend: Wiederkehrende Rituale – der Kaffee am Morgen, der Marktbesuch, das Vorbeigehen an vertrauten Orten – erzeugten eine leise, aber konstante emotionale Rückkopplung. Die Stadt fungierte als »zweite Haut« des Alltags. Man musste nicht entscheiden, ob man hingeht, man war bereits da.
Hybridisierung & Kontrollkompetenz
Zentral im Zusammenhang mit Corona ist der Begriff der Hybridisierung: Digitale und physische Raumlogiken überlagern sich. Arbeit, Konsum und Kultur sind nicht mehr zwingend an den Stadtraum gebunden. Orte sind jedoch nie neutrale Kulissen. Sie sind Beziehungspartner und tiefenpsychologisch internalisiert.
Die Innenstadt war vor Corona für viele Menschen ein verlässliches Objekt. Sie war verfügbar, wiederholbar, vertraut. Mit der pandemiebedingten Episodisierung hat sich diese Objektbeziehung grundlegend verändert. Die Stadt ist kein kontinuierlicher Bezugsrahmen mehr, sondern ein Gelegenheitsobjekt. Ihr Besuch ist funktional gerahmt, zweckgebunden, geplant. Aus beiläufiger Präsenz wird intentionaler Akt.
Damit brach ein Kontinuum. Homeoffice, Streaming, Lieferdienste und digitale Kommunikation verdichteten das Leben im häuslichen Raum. Der Wohnraum wurde zum multifunktionalen Erlebnisökosystem. Dadurch verlor die Innenstadt ihre Zwangsfunktion und wurde optional. Die Folge: Der Stadtbesuch wurde zu einer bewussten Entscheidung. Die Stadt wandelte sich vom kontinuierlichen Resonanzraum zum episodischen Ereignisort. Jeder Gang in die Innenstadt wird nun mental gegen Alternativen abgewogen. Der urbane Raum steht nun im Wettbewerb mit der Komfortzone Zuhause.
Parallel dazu entwickelte sich während der Pandemie eine neue affektive Selbstökonomie. Menschen lernten, ihre Reizexposition gezielt zu steuern. Das Zuhause wurde zum kontrollierbaren Safe Space, in dem Stimuli dosiert und soziale Kontakte reguliert werden konnten. Diese erlernte Kontrollkompetenz wirkt bis heute nach. Außenräume werden intensiver geprüft. Die Innenstadt muss nun einen deutlich höheren emotionalen Mehrwert liefern, um die psychische Schwelle zu überschreiten.
Friktionen – Lärm, Wetter, Gedränge, Unübersichtlichkeit oder Unsicherheit – werden sensibler wahrgenommen. Die Toleranz gegenüber Ambivalenz ist gesunken. Je weniger wir soziale Reibung aushalten, desto weniger suchen wir sie. Und desto fremder wird uns der öffentliche Raum. Denn soziale Energie, so Hartmut Rosa, entsteht erst durchs Tun. Da aber soziale Energie Leiblichkeit braucht, entsteht sie nur im analogen Raum – was die Situation weiter verschärft. Ich kann mir den sozialen Kontakt gleichsam »abgewöhnen« und habe dadurch auch keine Energie mehr, in ihn einzutreten. Viele Kulturinstitutionen erleben das seit Corona schmerzhaft.
Rituale: Die Qualität des Immergleichen
Ein zentraler Mechanismus dieser Verschiebung ist die Erosion von Ritualen. Rituale stabilisieren Identität, weil sie Wiederholung ermöglichen. Der morgendliche Kaffee, der wöchentliche Marktbesuch, das beiläufige Vorbeigehen an vertrauten Orten, all diese Routinen erzeugten Resonanzschleifen zwischen Individuum und Stadtraum.
Mit ihrem Wegfall brechen emotionale Anker weg. Ohne Wiederholung entsteht keine stabile Beziehung. Die Stadt verliert ihre Funktion als Übergangsraum zwischen Innen- und Außenwelt – jenem Raum, in dem das Selbst sich im Kontakt mit der Welt verortet. Statt alltäglicher Erfahrungsraum zu sein, wird sie zunehmend zum inszenierten Ereignisraum. Damit geht ein Resonanzverlust einher. Resonanz entsteht nicht durch spektakuläre Höhepunkte, sondern durch Wiederholung, Offenheit und Antwortbeziehung.
Episodische Nutzung reduziert diese Qualität. Der Stadtraum wird konsumiert, nicht erlebt. Bindung entsteht nicht mehr zur Stadt als Ganzem, sondern zu einzelnen Orten, Marken oder Events. Die urbane Beziehung fragmentiert sich. Und mit ihr das kollektive Selbstverständnis der Stadtgemeinschaft. Die Stadt ist nur eine Möglichkeit von vielen, und im geänderten Empfinden der Menschen noch nicht mal die sicherste, geschweige denn die bequemste.
Die entscheidende Veränderung liegt damit nicht in der Frequenz, sondern in der Bindung. Nicht in der Erreichbarkeit, sondern in der Beziehung. Aus Selbstverständlichkeit wurde Option. Aus Alltag Episode. Wer diese Verschiebung ignoriert und lediglich an der Oberfläche nachsteuert, wird den Kern des Problems verfehlen. Die Herausforderung der kommenden Jahre liegt in der Wiederverankerung der Stadt im Alltag.
Das eigentliche Problem der Innenstädte ist daher nicht fehlende Frequenz. Sondern verlorene Selbstverständlichkeit. Doch was passiert, wenn wir diese Verschiebung ignorieren und weiter so tun, als ließe sich Selbstverständlichkeit durch Aktivität ersetzen?
Gebraucht wird Alltag, nicht Ausnahmezustand
Dann wird mit Hektik reagiert. Viele Städte setzen auf Events und Pop-up-Formate. Eine fatale Strategie, wenn man den Erkenntnissen der Studie folgt. Denn Events sind das Kuratieren von Außeralltäglichem, wo wir Alltäglichkeit bräuchten. Singuläre Formate erzeugen zwar Frequenzspitzen, verstärken jedoch die episodische Logik. Der Alltag wird weiter ausgehöhlt.
Eventisierung ist der Versuch, Resonanz durch Reiz zu ersetzen. Ökonomisch entsteht dadurch eine Spitzenlastlogik: hohe Peaks, schwache Grundfrequenz. Psychologisch verfestigt sich das Bild der Stadt als Ausnahmeort. Das setzt eine ökonomische Abwärtsspirale in Gang:
Weniger Alltag
→ weniger Bindung
→ selektivere Nutzung
→ ökonomische Schwächung
→ sinkende Attraktivität
→noch weniger Alltag.
Gleichzeitig konkurriert die Stadt mit einem hybriden, häuslich-digitalen Ökosystem, das hohe Kontrolle und geringe Friktion bietet. Dadurch steigt die Friktionssensibilität gegenüber urbanen Räumen.
Die Stadt war nie ein Produkt, sondern immer ein Versprechen
Wenn noch mehr Events nicht die Lösung sind, woran müssen wir dann arbeiten? Um einer Antwort auf die Spur zu kommen, hilft es, die Grundlogik der Studie weiterzudenken. Denn das Paper adressiert Veränderungen wie »soziale Interaktion«, »Aufenthaltsqualität«, »Identifikation«. Allesamt keine klassischen Handelsparameter. Sondern Indikatoren sozialer Resonanz.
Soziologisch betrachtet verlieren Innenstädte derzeit ihre Rolle als rein funktionale Knotenpunkte (Handel, Mobilität) und müssen sich somit neu als Bedeutungsräume legitimeren. Präsenz entsteht nicht mehr durch Notwendigkeit, sondern durch Sinn. Wenn Arbeit ortsunabhängiger wird, wenn Konsum digital verfügbar ist, wenn Mobilität flexibler wird, dann bleibt der Stadt eine zentrale Aufgabe: Sie muss Beziehung ermöglichen.
Innenstadt lebt durch Beziehung
Auch Stadtentwicklung, Stadtmarketing und Tourismus müssen unter diesen Vorzeichen ihre Werkzeuge schärfen. Über Jahrzehnte wurden Städte vermarktet, als wären sie Produkte. Events, Kampagnen, Kaufkraftbindung, Frequenz. Das war einem Zeitgeist geschuldet und damit nachvollziehbar. Aber es war nie der Kern. Die Studie bestätigt nun empirisch, was viele seit Jahren spüren: Eine Innenstadt lebt nicht durch mehr Veranstaltungen, sondern durch mehr Beziehung. Beziehung zwischen:
Handel und Bürgerschaft
Einheimischen und Einheimischen auf Zeit (vulgo: Touristen)
Verwaltung und Zivilgesellschaft
Generationen, Milieus, Lebensentwürfen
Wenn es in der Aktivierung der Stadt nicht mehr um einzelne Peaks geht, dann führt der Weg zwangsläufig in den Maschinenraum: in Moderation, Stadtgespräch, Nutzungsvielfalt, Aufenthaltsqualität, langfristige Kooperationsstrukturen.Weniger glamourös. Aber genau dort entscheidet sich, ob eine Innenstadt als sozialer Raum überlebt. Eine Stadt ist nicht nur Markt. Sie kann kommuniziert und vermarktet werden. Aber sie ist in erster Linie ein soziales Gefüge. Events erzeugen situative Aufmerksamkeit. Beziehung erzeugt stabile Bindung. Und darin liegt keine taktische, sondern eine existenzielle Verschiebung.
Die Kraft des Alltäglichen
Natürlich sind Veranstaltungen wichtig im städtischen Leben. Und sie können auch zu identitätsstiftenden Ritualen im Jahreskreis werden. (Jede Stadt hat das eine Stadtfest, bei dem man verlässlich all jene sieht, die man nur einmal im Jahr am Stadtfest sieht).
Das Problem ist das Motiv dahinter. Liegt es in »Frequenz um jeden Preis« oder in »Gemeinschaft aktivieren«? Ersteres braucht die Dosissteigerung, wenn die Wirkung nachlässt. Letzteres wirkt nach. Und auch aus finanzieller Sicht kann der Turn durchaus Sinn ergeben.
Wie viele Stadtteilfeste kann man unterstützen für den Preis eines eingekauften Streetfoodmarkt? Wie viele dauerhafte Beziehungen entstehen für den Preis eines einmaligen Spektakels? Und vor allem: Wer nur auf Events setzt, hat ein argumentatives Problem. Selbst bei einem gut gefüllten Portfolio mit zig Veranstaltungen im Jahr blieben immer noch hunderte Tage ohne Stimuli.
Der Philosoph Frank Berzbach schreibt:
»Ich glaube, es gibt nur den Alltag. Wir stehen auf, kommunizieren, es regnet, wir ärgern uns, arbeiten, holen die Kinder ab. Ein paar außerordentliche Momente gibt es natürlich in jedem Leben, Hochzeiten, Krankheiten, Todesfälle, große Erfolge, aber gar nicht viele. Deshalb ist der Alltag mein Leben, und die Art, wie ich ihn gestalte, macht den Unterschied.«
Genau das ist der Kern meiner Arbeit: nicht irgendein nächstes Format zu entwickeln, sondern die Strukturen freizulegen, in denen Alltag wieder entstehen kann. Das bedeutet meist weniger Bühne und mehr Maschinenraum. Weniger Inszenierung und mehr Beziehungsarchitektur. Stadtentwicklung, die nicht fragt »Was zieht Leute an?« sondern »Was hält sie?«
Wenn das stimmt, dann entscheidet sich auch die Zukunft der Stadt im Alltag. Was bleibt, ist der Tag für Tag erlebte Raum. Die Art, wie wir ihn gestalten, entscheidet, ob unsere Städte dafür Resonanzraum sind. Oder nur Kulisse. Horx schrieb im Frühjahr 2020 in seiner »Re-Gnose«:
»System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.«
Er träumte vom Reset. Was wir jedoch brauchen, ist Re-Verankerung. Die Ahnung, dass Zukunft dort beginnt, wo wir wieder alltäglich miteinander Stadt sind. Nicht im Dauer-Event, nicht im Ausnahmezustand. Sondern im Gespräch, im vertrauten Ritual.
Musik auf Balkonen. Menschen auf Plätzen.
Nicht spektakulär, sondern selbstverständlich.
Nicht im Mega-Event, sondern im gelebten Mittwoch.
So entsteht Zukunft: Gemeinsam.
Dieser Text wurde in zwei Teilen auch auf stadtmarketing.eu veröffentlicht: https://www.stadtmarketing.eu/resonanz-statt-reiz/ und https://www.stadtmarketing.eu/eventisierung-und-pop-up/