Die Stadt als Anlass

 

Im Jahr 2021 entstand das Buch »Die Stadt als Anlass«. Dieses Buch habe ich geschrieben, weil mich Städte nie als fertige Gebilde interessierten. Sondern als Beziehungen. Als Geflechte aus Menschen, Geschichten, Erwartungen und Möglichkeiten. Jede Stadt ist einzigartig. Darum hat sie einen Namen. Fast wie eine Person. Jedenfalls mit einem eigenen Charakter.

Städtische Biografien entstehen nicht aus Masterplänen, sondern aus dem Zusammenspiel dessen, was da ist und dessen, was möglich wird. So wie persönliche Lebenswege eingebettet sind in soziale Beziehungen, so lebt auch eine Stadt nicht nur mit ihren Menschen, sondern durch sie. Attraktivität ist dabei kein Bild nach außen. Sie entsteht von innen. Volker Remy beschreibt das als den Unterschied zwischen Identität und Image. Mich hat immer interessiert, wie diese Identität entsteht – jenseits von Wunschbildern und Hochglanzstrategien.

Beziehungen bestehen jedoch nicht nur aus dem Vorhandenen. Sie bestehen immer auch aus dem Möglichen. Eine Stadt ist nicht nur Haus, Fluss oder Straße. Sie ist ebenso der Gestaltungswille der Menschen, die dort leben und jener, die nur temporär Teil dieses Ortes sind. Auch sie prägen die Atmosphäre und den Rhythmus. Der Ort wird von denen gestaltet, die ihn beleben. Nicht von jenen, die ihn lediglich verwalten. Ein Großteil dieses Austauschs findet im öffentlichen Raum statt. In Räumen, die idealerweise mehrfach offen sind: offen für unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer, offen für verschiedene Nutzungen, offen für das Unerwartete. Öffentliche Plätze müssen Raum lassen. Nicht alles definieren, nicht alles kontrollieren. Sondern ermöglichen, dass etwas passiert. In der Soziologie werden solche Räume als Third Places beschrieben. Orte jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, an denen Menschen sich heimisch fühlen können, ohne festgelegt zu sein. Nun ist Realität bekanntlich das, was geschieht, während man andere Pläne macht. Ist ein solcher Möglichkeitsraum planbar? Nicht im deterministischen Sinn. Aber er ist gestaltbar. Atmosphärische Stadtraumgestaltung bedeutet für mich genau das: Angebote zu schaffen, zu beobachten, auszuprobieren, was passieren will. Und wenn nötig, diese Potenziale zu stärken.

»Die Stadt als Anlass« ist aus dieser Haltung heraus entstanden. Das Buch versammelt Projekte, Gedanken und Beobachtungen aus einer Zeit intensiver Arbeit an und mit der Stadt Feldkirch. Es ist kein Methodenbuch und kein Projektbericht. Es ist ein Versuch, Stadt als offenen Prozess zu beschreiben. Als Anlass für Begegnung, Auseinandersetzung und gemeinsames Lernen.

Dass das Buch heute, fünf Jahre später, noch Teil meines Ateliers ist, hat einen einfachen Grund: Die Fragen, die darin verhandelt werden, sind nicht abgeschlossen. Sie haben sich verschoben, vertieft, manchmal verhärtet. Aber sie sind nicht verschwunden. Wie jede gute Stadtidee lassen sie sich nicht erledigen. Sie bleiben. Und sie fordern immer wieder dazu auf, neu hinzuschauen.

 

Gesamtleitung, Text und Redaktion: Edgar Eller
Textquellen: Maciej Chmara, Hans-Joachim Gögl, Magdalena Hopp, Franziska Möhrle, Petra Nachbaur, Mirjam Steinbock, Martin Strele
Grafik: Magdalena Türtscher (buero-magma.at)

Herausgeber: Stadtkultur Feldkirch GmbH 
ISBN 978-3-903240-25-4
Edition-v, 2021

 
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LandStadt Vorarlberg. Mehr Möglichkeitsraum denn Projekt.

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