Nicht streichen. Neu begründen

Auf meinen Blogartikel »Der Tourismus, den es nie gab« über die Frage, ob in der Idee, es gäbe das »System Tourismus« nicht vielleicht schon ein - nun ja - systemischer Fehler steckt, wurde ich oft gefragt, ob ich denn dem Tourismus das Geld wegnehmen wolle. Eine berechtigte Frage. Vor allem, wenn sie von Menschen kommt, die hier was aufgebaut haben und es jetzt bedroht sehen.

Nein, ich will niemandem etwas wegnehmen. Aber die Frage verrät, auf welcher Ebene wir über Systeme reden, sobald sie an ihre Grenze stoßen. Wir reden über das Geld. Zuerst und am lautesten über das Geld. Als wäre die Finanzierung selbst bereits der Sinn. Dabei geht es nie um Geld. Also nicht zuerst. Und nicht als Ursache.

Kurz gesagt, ich glaube nicht, dass der organisierte Tourismus zu groß geworden ist. Ich glaube, er ist zu klein legitimiert.

Touristische Sachertorte

Ein System wie der organisierte Tourismus lässt sich, wie bei einem Kuchen, in drei übereinanderliegenden Schichten lesen.  Ganz unten, am sichtbarsten, die Finanzierung: wer zahlt, wer empfängt, nach welchem Schlüssel. Diese Ebene ist in Österreich sogar gesetzlich geregelt. Darüber liegt die Ebene der Zuständigkeit. Also wer übernimmt welche Aufgabe, wer muss für welchen Teil geradestehen. Und ganz oben die Legitimation: woraus leitet ein Akteur überhaupt das Recht ab zu handeln. Das ist die inhaltliche Grundannahme, aus der alles weitere folgt. Diese Trennung ist nicht rein organisatorisch gemeint. Vielmehr hängen die drei Ebenen voneinander ab, von oben nach unten. Die Legitimation begründet den Auftrag. Der Auftrag ordnet die Zuständigkeiten. Und die Zuständigkeiten begründen die Finanzierung.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass das Geld nicht automatisch dorthin fließt, wo es am nötigsten gebraucht werden würde oder wo der größte gesellschaftliche Wert entsteht. Sondern erst mal fließt es dorthin, wo das System glaubt, dass Wert entsteht und Verantwortung liegt. Ändert man die Annahme oben, muss sich unten alles neu ordnen. Lässt man aber die Annahme stehen und schichtet nur das Geld um, hält die Umschichtung nicht. Sie widerspricht der Logik und wird - bewusst oder unbewusst - zurückkorrigiert. Also muss man, vermutlich kontraintuitiv, dem Impuls widersagen, bei der Finanzierung zu beginnen. Vielmehr muss die Legitimation auf den Prüfstand:  Statt zu fordern »Verteilt das Geld anders« besser die Frage stellen »Aus welcher Annahme heraus ist dieser Akteur legitimiert und vor allem, stimmt diese Annahme noch?«

Das Vakuum

Wenn man aber diese Frage aller Fragen stellt, lauert die eigentliche Gefahr in der Reihenfolge vom Befund zur Umsetzung. Da alles auf dieser Legitimation aufbaut, erzeugt, wer die alte Legitimation angreift ohne eine neue anzubieten, kein Umdenken sondern eher ein Vakuum. Fällt die alte Begründung - »wir holen Gäste« - und tritt keine tragfähige neue an ihre Stelle, dann müssen die Geldgeber und Eigentümer einen naheliegenden Schluss ziehen. Denn ist die Begründung weg, ist auch der Mittelfluss unbegründet. Und was sich nicht begründet, wird gestrichen. Doppelte Schwächung: Ein System reagiert auf den richtigen Befund mit der falschen Antwort, weil sie die billigste ist und kassiert dann die Mittel ein, anstatt sie richtig zu kanalisieren. Und wer auf der anderen Seite, der Umsetzung, eine Sache verteidigt, für die es keine legitime Begründung - und keinen besseren Ersatz - gibt, verteidigt am Ende die Begründung anstatt die Sache dahinter.

Denn so nüchtern muss man sein: Natürlich kann man fragen, ob die heute gebundenen Mittel an anderer Stelle nicht sinnvoller eingesetzt wären. In Kultur, Bildung oder in jenen Bereichen, die die Eigenart eines Ortes überhaupt erst hervorbringen und erhalten. Vielleicht wäre manches Geld dort tatsächlich besser investiert. Aber politische Systeme verteilen frei werdende Mittel nicht automatisch dorthin, wo der gesellschaftliche Wert am größten ist. Geld, das aus einer bestehenden Struktur herausgelöst wird, landet nicht zwangsläufig dort, wo es für den Lebensraum am meisten bewirken könnte. Häufig fällt es an jene Bereiche zurück, die institutionell bereits stark genug sind, es aufzunehmen.

Genau deshalb wäre es fahrlässig, zuerst den Mittelfluss aufzubrechen und erst danach über seinen neuen Zweck nachzudenken. Ein einmal verlorenes Finanzierungsinstrument lässt sich kaum wieder herstellen. Wer also die alte Legitimation infrage stellt, ohne die neue bereits tragfähig formuliert zu haben, riskiert nicht eine bessere Verteilung, sondern schlicht den Verlust der Mittel. Die Konsequenz daraus kann aber nicht lauten, den bestehenden Mittelfluss um seiner selbst willen zu verteidigen. Das wäre nur die umgekehrte Form desselben Fehlers. Es geht darum, das Finanzierungsinstrument zu erhalten, aber seine Legitimation und Bindung neu zu ordnen. Nicht weil die bestehenden Organisationen einen natürlichen Anspruch auf dieses Geld hätten. Sondern weil hier eine regionale Ressource vorhanden ist, die künftig dort wirken sollte, wo vorhandene Fähigkeiten einem gemeinsam legitimierten Zweck dienen.

Es soll nicht das Geld geschützt werden. Sondern die Möglichkeit, mit ihm etwas Sinnvolles zu tun.

Was den Lebensraum trägt

Im oben genannten Blogbeitrag habe ich eine Begründung infrage gestellt. Es wäre unredlich, die Frage zu stellen und den Raum danach leer zu lassen. Denn die Kompetenzen, die DMOs haben - kommunizieren, vernetzen, Begegnung gestalten, Besucherströme verstehen, Kooperation ermöglichen - sind seltene, aber nützliche Fähigkeiten in regionalen Kontexten. Niemandem wäre geholfen, strich man die Fähigkeit. Sie müssen nur aus der richtigen Position heraus verortet werden. Denn diese Fähigkeiten stehen derzeit im Dienst einer Annahme, die »Gäste holen« heißt.

Jahrzehntelang konnte diese Verortung stabil gehalten werden, weil die Zahl zwar das System grundsätzlich legitimierte, aber immer ohne Konsequenz blieb. Schließlich kannte die touristische Nächtigungsstatistik in Österreich über all die Jahre grosso modo nur eine Richtung: Nach oben. Natürlich gab es Einbrüche. Aber die konnten immer durch externe Faktoren begründet werden. Und manchmal fand man externe Faktoren zur Begründung falls nötig. wer kann gegen »Nachwirkung der Pandemie«, »verändertes Reiseverhalten« oder »verregneten Sommer« schon andiskutieren? Nun zeigen die Forschung, die Praxis und die Realität, dass die Idee »Gäste zu holen« noch nie so richtig funktionierte. Sie trägt damit auch nicht mehr als Legitimation der Handlung.

Verlegt man dieselben Fähigkeiten unter eine andere Annahme - also beispielsweise  »einen Anteil an der Verbesserung der Region zu tragen« -bleiben die Kompetenzen. Aber der Auftrag ändert sich: wem sie dienen, woran sie sich messen und was sie im Zweifel unterlassen. Nicht mehr die Steigerung touristischer Nachfrage legitimiert den Akteur, sondern sein Beitrag zur sozialen, wirtschaftlichen und räumlichen Tragfähigkeit des Ortes.

Dieser Grund ist von anderer Art. »Gäste holen« legitimiert sich über einen erwartbaren, möglichst messbaren Erfolg. Ein Auftrag für den Lebensraum beruht zusätzlich auf einem gesellschaftlichen Urteil darüber, was erhaltens- und entwicklungswürdig ist. Nicht alles davon lässt sich messen. Aber es muss begründet, wahrgenommen und politisch verantwortet werden. Dieser Lebensraum, den es zu tragen gilt, ist nichts Abstraktes. Nichts Erdachtes. Er ist das, was die Menschen vor Ort täglich zu dem machen, was er ist. Das Vorhandene, nicht das Gewollte, wie Volker Remy es einmal beschrieb. Man trägt einen Lebensraum nicht, indem man ihm ein Ziel vorschreibt. Man trägt ihn, indem man erkennt, was ihn lebendig hält, und die eigenen Fähigkeiten hierfür zur Verfügung stellt. Wodurch sich auch die eigene Rolle wandelt.  Vom Instrument eines Systemauftrags zum Kompetenzträger im Raum. Dem Ort eher verpflichtet statt ihn nur nutzend. Wo eine Organisation für einen politisch beschlossenen Auftrag besondere und nicht leicht ersetzbare Fähigkeiten einbringt, entsteht daraus ein begründbarer Anspruch auf verlässliche Finanzierung. Nicht weil die Organisation halt einfach da ist, sondern weil ihre Fähigkeit gebraucht wird.

Wes Brot ich ess’

Bleibt die Frage, wenn nicht mehr »Gäste holen« der Auftrag ist, wer bestimmt dann, was ein Ort braucht und wohin die Mittel gehen? Weder Bürgermeister, Seilbahn-Chef oder der wichtigste Hotelier am Platz im Alleingang. Aber auch nicht die Verwaltung per Bescheid. Ein Lebensraum wird nicht verwaltet, er wird ausgehandelt. Im besten Sinne der repräsentativen Demokratie, durch jene, die da sind. Wie viel offene Beteiligung darin steckt, ob in Gremien stellvertretend oder in offenen Foren gemeinsam, ist eine eigene Frage. Aber: Der Zweck wird politisch legitimiert, gesellschaftlich ausgehandelt und regelmäßig neu geprüft. Die Mittel folgen dann dorthin, wo die Fähigkeiten diesem Zweck nachweislich dienen.

Für die Organisation ist die Frage der Legitimation daher nicht Aufgabe der Geschäftsführung. Sie ist Aufgabe des Eigentümers. Der Gemeinde, des Verbandes, des politischen Gremiums, das die Organisation trägt. Die Organisation kümmert sich um die Umsetzung, nicht um die Sinnstiftung.

Das klingt selbstverständlicher als es in der Praxis ist. In vielen Regionen verteidigen operative Akteure einen Auftrag, den ihr Eigentümer nie sauber formuliert hat. Sie messen sich an Nächtigungszahlen, weil niemand ihnen einen anderen Maßstab gegeben hat. Sie erweitern ihr Mandat ins Lebensraummanagement, weil sie spüren, dass der alte Auftrag nicht mehr trägt, haben aber keine politische Rückendeckung für den neuen. Sie füllen ein Vakuum, das nicht ihres ist. Diese Selbstlegitimation ist also häufig das Ergebnis eines besonderen Engagements. Viele Geschäftsführungen arbeiten mit einer Klarheit, die ihre Eigentümer erst noch entwickeln müssen. Aber es ist eine Beschreibung der strukturellen Lage: Wo der Eigentümer keinen Zweck formuliert, füllt die operative Ebene das Vakuum mit dem Naheliegenden. Und wird dafür kritisiert, dass sie tut, was niemand anderes entschieden hat.

Daher ist die Reihenfolge so wichtig. Nicht der bestehende Mittelfluss legitimiert den Auftrag. Ein demokratisch ausgehandelter Auftrag legitimiert Zuständigkeiten, diese begründen den Mittelfluss. Und wenn touristische Akteure dem großen Ganzen dienen, haben ihre Fähigkeiten einen Boden, der auch dann trägt, wenn die alte Zahl es längst nicht mehr tut. Wer beim Geld beginnt, beginnt zu spät. Die Legitimation bestimmt den Auftrag. Der Auftrag die Zuständigkeit. Die Zuständigkeit die Finanzierung. Was sich nicht aus einem klaren Zweck ableitet, lässt sich auf Dauer nicht finanzieren. Was sich daraus ableitet, lässt sich auf Dauer nicht streichen. Das Geld ist die Quittung.

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Kooperation vor Fusion – geteilte Verantwortung und gemeinsame Entwicklung